Videokonferenzen in der Grundschule

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Der Artikel beschreibt mögliche Einsatzszenarien für Videokonferenzen in der Grundschule. Der Artikel entstand aus Erfahrungen von Lehrpersonen während der Schulschließungen der Corona-Pandemie. Bei all den positiven Aspekten soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass Videokonferenzen „echten“ Unterricht mit persönlichem Kontakt nicht ersetzen können.

Warum schon im Grundschulalter? Gründe für den Einsatz von Videokonferenzen in den Klassen 1–4

„Es war heute wirklich eine tolle Erfahrung. Leider konnten wir nicht sprechen, aber [Kind] hat sich sehr gefreut, Sie und die anderen Kinder zu sehen und zu hören. Das war bewegend.“ (Rückmeldung einer Mutter nach der ersten Videokonferenz)

Erzählkreis
  • Schule ist Beziehung! Durch Videokonferenzen können Beziehungen auch über räumliche Distanz gepflegt werden, wenn auch nicht in der gleichen Intensität wie im persönlichen Kontakt. Der Austausch untereinander oder das „Kontakt halten“ kann dabei auf mehreren Ebenen stattfinden: zwischen der Lehrperson und ihren Schülerinnen und Schülern (L-S), innerhalb des Kollegiums (L-L), aber auch von Kind zu Kind (S-S). Spielen gehört hier genauso dazu wie erzählen oder zuhören. A. Krommer, P. Wampfler und W. Klee nennen das: "So viel Empathie und Beziehung wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig."[1]
  • Schule ist Unterstützung! Schülerinnen und Schüler haben durch Videokonferenzen die Möglichkeit, Fragen direkt an die Lehrperson zu stellen. Die Lehrperson hat wiederum die Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler auch über eine räumliche Distanz persönlich zu unterstützen.
  • Schule ist Lernen! Videokonferenzen bieten die Möglichkeiten des Lernens. M. Kruse spricht von einer „Erweiterung des Lernraumes“[2]: Durch die Nutzung der technischen Möglichkeiten können sogar neue Lernwelten erschlossen werden). Gleichzeitig können Kinder, aber auch Lehrpersonen ihre Medienkompetenz weiterentwickeln und wichtige Erfahrungen sammeln.

Mögliche Einsatzszenarien für Videokonferenzen in der Grundschule

Anlässe zum Erzählen und Sprechen schaffen

Erzählkreis: Haustiere und Lieblingstiere

In vielen Schulen finden wöchentliche, ritualisierte Erzählkreise statt. Das Erzählen und Zuhören fördert dabei nicht nur wesentlichen Kompetenzen des Deutschunterrichts, sondern trägt auch zur Verbesserung der Klassengemeinschaft bei. Auch in einer Videokonferenz kann ein „Erzählkreis“ durchgeführt werden. Erfahrungsgemäß sind Kinder in Videokonferenzen sehr zurückhaltend, weshalb eine „offene“ Erzählrunde zu einem kollektiven Schweigen führen kann. Folgende Ideen können dem entgegenwirken:

  • Gegenstände mitbringen lassen, die die Kinder in die Kamera halten können und zu denen sie etwas erzählen dürfen (Sportgeräte, Lieblings-Kuscheltier, Gebasteltes, ...)
  • Leitfragen, zu denen sich die Kinder schon vor dem Termin Gedanken machen (Was würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen? Welchen Sport machst du gerade am liebsten? ...)
  • Wahr oder falsch? Hierbei überlegen sich die Kinder im Vorfeld drei kleine Geschichten, von denen eine gelogen ist. Die anderen Zuhörer spekulieren anschließend, welche Erzählung frei erfunden war.
  • Geschichte weitererzählen: Die Lehrperson liest den Anfang einer Geschichte vor. Die Kinder setzen die Geschichte in ihrer Fantasie vor und erzählen davon.

Die Möglichkeiten zum Schaffen von Sprechanlässen sind vielfältig. Viele Methoden aus den „klassischen“ Erzählkreisen können für Videokonferenzen übernommen werden. Auch einige der folgenden Einsatzszenarien schaffen Sprechanlässe.

Vermittlung von Unterrichtsinhalten

Auch „Unterricht“ ist in Videokonferenzen möglich und bietet Vorteile gegenüber der Vermittlung von Inhalten in Videos, da die Teilnehmer Rückfragen stellen können. Sollen neben dem Lehrervortrag auch andere Sozialformen wie Partner- oder Gruppenarbeit stattfinden, können dafür separate Videokonferenzräume eingerichtet werden. In diesem Fall sei das Konzept „Digitaler Unterricht mit Videokonferenzen in der Grundschule“ von C. Hack empfohlen.[3]

Verhinderte Personen (Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler) können bei entsprechender Ausstattung mithilfe von Videokonferenztools auch am Unterricht im Klassenzimmer teilnehmen.[4]

Virtuelle Ausflüge

Virtuelles Museum (kunstmatrix) mit Schülerwerken

Die meisten Videokonferenztools bieten die Funktion „Bildschirm teilen“ an, mit der der eigene Bildschirm den anderen Teilnehmern sichtbar gemacht werden kann. Mit dieser Funktion können virtuelle Ausflüge durchgeführt werden. Beispiele:

  • Museen: Google Arts & Culture bietet beispielsweise eine Vielzahl an Exponaten zur Ansicht an, dazu virtuelle Rundgänge durch Museen auf der ganzen Welt per Street View. Interessant auch die Idee, ein eigenes virtuelles Museum mit Kunstwerken von Schülerinnen und Schülern zu erstellen, z.B. via kunstmatrix (kostenpflichtig) oder Glitch: virtual-exhibition-004
  • Webcams: Webcams, die Live-Bilder aus allen Orten der Welt auf den heimischen PC senden, können auch das Gefühl eines „Ausflugs“ vermitteln. M. Kruse beschreibt auf ihrem Blog konkrete Ideen für „Besuche“ in Zoos oder auf Bauernhöfen.[5] Internetseiten mit Sammlungen von Webcams können Anregungen für weitere Ausflüge geben.

Gäste einladen, Experten im Unterricht

Die räumliche Distanz lässt sich mit Videokonferenzen auch zu anderen Personen überbrücken.

  • Meist führt die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer Videokonferenzen durch. Um die Beziehung auch zu den Fachlehrerinnen und Fachlehrern aufrecht zu erhalten, können diese als Gäste eingeladen werden. Zusätzlich können einzelne Sequenzen wie Sportübungen oder künstlerische Tätigkeiten durchgeführt werden.
  • Auch externe Gäste, z.B. Experten können angefragt werden. Denkbar wäre hier die Beantwortung von Schülerfragen zu einem Thema. Die Einbindung von Fachleuten wird so auch ohne den Besuch außerschulischer Lernorte möglich.

Mit Spaß und Bewegung Videokonferenzen auflockern

Spiele und spielerische Elemente machen nicht nur Spaß, sondern nehmen den Kindern auch die Angst vor der ungewohnten Situation. Videokonferenzen können bspw. immer mit einem kleinen Spiel beginnen oder enden. Spiele können aber auch ein komplettes Videotreffen füllen. Im Folgenden eine (unvollständige) Liste mit Ideen:

  • Verkleidungen raten
  • "Jede(r) der" als lustiger Einstieg in eine Videokonferenz[6]
  • Touch Blue: Auf Kommando suchen alle Teilnehmer Gegenstände mit einer bestimmten Farbe und halten sie in die Kamera.[7]
  • Was ist das? Gegenstände raten[8]
  • Dalli Klick/Bilder raten: Ein passende Vorlage für PowerPoint kann auf dem Landesbildungsserver Baden-Württemberg heruntergeladen werden. Über die Funktion „Bildschirm teilen“ kann nach und nach ein Teil eines Bildes aufgedeckt werden.
  • Montagsmaler: In einem einfachen Zeichenprogramm (z.B. Paint) wird ein Gegenstand gemalt. Über die Funktion „Bildschirm teilen“ können alle anderen Personen mitraten.
  • Stadt, Land, Fluss
  • Brainkinetik-Übungen
  • Bewegungslieder
  • Gruppenfoto (= Screenshot) als Erinnerung an die Videokonferenz. Kinder können dabei Grimassen schneiden, posieren, Stimmungen ausdrücken, ...
  • B. Beck merkt auch an, dass Kinder durchaus kreativ beim Entwickeln eigener Spiele für Videokonferenzen sind.[9]

Videokonferenzen als Unterstützungsmöglichkeit

Termine für Videokonferenzen müssen nicht immer im Klassenverband, sondern können auch nur für Gruppen oder sogar für einzelne Kinder vereinbart werden:

  • In Sprechstunden kann die Lehrperson ansprechbar sein für Fragen und Probleme der Schülerinnen und Schüler.
  • In Einzel- oder Gruppenterminen kann die Lehrperson ausgewählte Kinder fördern oder aufbauen. Diese Sozialform bietet sich bspw. auch für DaZ-Kinder oder Kinder mit Sprachschwierigkeiten an.

Weitere Ideen

  • Gemeinsames Lesen: In Schulen findet oft ritualisierte Vorlesezeit statt. Diese kann auch in einer Videokonferenz durchgeführt werden. Es muss aber nicht immer die Lehrperson vorlesen: Schülerinnen sind oft motiviert, Stellen aus ihren Büchern vorzulesen.
  • Gemeinsames Basteln: Mit Materialien, die Familien zuhause haben, lässt sich auch gemeinsam basteln. Das macht in der Gruppe mehr Spaß als allein und man kann die Ergebnisse gleich seinen Freunden zeigen. M. Kruse beschreibt in ihrem Blog Beispiele für das Falten von Herzen und Hemden.[10]
  • Präsentationen: Wenn Schülerinnen und Schüler zuhause Präsentationen zu einem Buch oder einem anderen Thema vorbereiten, können diese auch in einer Videokonferenz vorgetragen werden. Die Zuhörerschaft kann dabei (bspw. aus Gründen des Datenschutzes) auf die Lehrperson oder einzelne Gäste beschränkt werden.

Der Fantasie sind bei möglichen Szenarien für Videokonferenzen keine Grenzen gesetzt. Die folgenden Ideen stammen aus einem Brainstorming in Webinaren:

Tipps und Tricks

Grundsätzlich sollte man bei der Durchführung von Videokonferenzen stets darauf vorbereitet sein, dass Probleme auftreten. Die folgenden Tipps entstanden alle aus der Erfahrung und es gingen ihnen oftmals misslungene Videokonferenzen voraus. Gleichzeitig können manche der Punkte auch mit den Schülerinnen und Schülern thematisiert werden. Umfangreiche Informationen und Tipps finden sich auch im mebis Infoportal: Lernen zuhause | Videokonferenz-Systeme.

  • Technik einüben: Es empfiehlt sich, die Technik als Lehrperson zunächst auszuprobieren (z.B. mit Kolleginnen und Kollegen), um sich mit den Funktionen vertraut zu machen. Auch mit den Kindern müssen zu Beginn die grundlegenden Funktionen (Audio/Video aktivieren und deaktivieren, sich melden, Chat, ...) eingeübt werden.
  • Datenschutz: Unabhängig vom Videokonferenztool muss auf Datenschutz geachtet werden. Stimmen, Gesichter, aber auch die Wohnräume im Hintergrund stellen private Daten dar. Gleichzeitig kann nicht überprüft werden, welche Personen abseits des Kamerabildes mithören und mitschauen. Daher sollten Kinder nicht gezwungen werden, etwas zu sagen oder ihre Kamera zu aktivieren.
  • Routine: Je öfter Videokonferenzen durchgeführt werden, desto routinierter werden die Teilnehmer die Technik bedienen können. Gleichzeitig bietet es sich an, den Zugang zur Videokonferenz immer gleich zu gestalten, z.B. gleicher Link, gleicher Wochentag, gleiche Uhrzeit, ...
  • Regeln vereinbaren: Aus verschiedenen Gründen müssen Regeln vereinbart werden: Um Chaos und Rückkopplungen zu verhindern, sollte man sein Mikrophon nur anschalten, wenn man etwas sagen möchte. Bei schlechter Verbindung oder vielen Teilnehmern sollte die Kamera deaktiviert werden, um die zu übertragenden Daten zu verringern. Ausführlich beschrieben sind Regeln für Videokonferenzen bei B. Blume.[11]
  • Kleingruppen bilden: Wenn die Verbindung ruckelt und stockt, kann das zu Frust führen. Es kann sich daher anbieten, Klassen zu teilen, um eine stabilere Verbindung zu erhalten.


Download zu "Moderationskarten für Videokonferenzen"

Moderation-videokonferenz gmk.pdf


18 Motive, die auf zwei DIN A4-Seiten ausgedruckt, zugeschnitten und ggf. einlaminiert werden können. Im Bedarfsfall können sie schnell vor die Webcam gehalten werden, ohne dass ein*e Konferenzteilnehmer*in im Redefluss unterbrochen werden muss.

Zur Infoseite mit Lizenzhinweisen


Grenzen

  • Aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen (Ausstattung, Medienkompetenz der Eltern, kein eigenes Zimmer, ...) haben eventuell nicht alle Kinder die Möglichkeit, an Videokonferenzen teilzunehmen.
  • Vor allem in der Grundschule ist zumindest am Anfang die Teilnahme davon abhängig, dass Eltern zu dieser Zeit zuhause sind und unterstützen können.
  • Ein reibungsloser Ablauf ist abhängig von der eigenen Internetverbindung sowie der Auslastung des Servers.
  • Videokonferenzen am Computer sind anstrengend. Die Aufmerksamkeit der Kinder sollte nicht überstrapaziert werden.
  • Kinder verhalten sich in Videokonferenzen oft anders als im Unterricht. Die meisten sind aufgrund der neuen und ungewohnten Situation sehr ruhig und zurückhaltend.
  1. A. Krommer/P. Wampfler/W.Klee: Impulse für das Lernen auf Distanz, https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/Schulgesundheitsrecht/Infektionsschutz/300-Coronavirus/Coronavirus_Impulse_Distanzlernen/index.html (abgerufen am 05.06.2020).
  2. M. Kruse: Neue Lernräume entdecken – mit Google Expedition und Co. Im Videochat, https://köpfchenkunde.de/2020/05/15/neue-lernraeume-entdecken-mit-google-expedition-und-co-im-videochat/ (abgerufen am 27.05.2020).
  3. vgl. Padlet von C. Hack: Digitaler Unterricht mit Videokonferenzen in der Grundschule“, https://padlet.com/claudiahack/Digitaler_Unterricht_mit_Videokonferenzen_GS (abgerufen am 29.05.2020)
  4. vgl. T. Seidel: Videokonferenzen auf dem Board, https://www.schuleundcomputer.de/medienbildung/523-videokonferenz-auf-dem-board (abgerufen am 29.05.2020).
  5. vgl. M. Kruse: Neue Lernräume entdecken – mit Google Expedition und Co. Im Videochat, https://köpfchenkunde.de/2020/05/15/neue-lernraeume-entdecken-mit-google-expedition-und-co-im-videochat/ (abgerufen am 27.05.2020).
  6. C. Siebel: Das schnelle Kennenlernspiel für Video-Meetings und Online-Seminare, https://www.workshop-spiele.de/schnelles-kennenlernspiel-fuer-video-meetings-und-online-seminare/ (abgerufen am 01.11.2020).
  7. C. Siebel: Ein unkompliziertes Aufwärmspiel für Video-Call Workshops, https://www.workshop-spiele.de/aufwaermspiel-fuer-video-call-workshops/ (abgerufen am 01.11.2020).
  8. vgl. B. Beck: Videokonferenzen spielerisch gestalten, https://www.tjfbg.de/index.php?id=1901 (abgerufen am 27.05.2020).
  9. vgl. B. Beck: Videokonferenzen spielerisch gestalten, https://www.tjfbg.de/index.php?id=1901 (abgerufen am 27.05.2020).
  10. vgl. M. Kruse: Herzen und Hemden – Origami im Videochat, https://köpfchenkunde.de/2020/05/13/herzen-und-hemden-origami-im-videochat/ (abgerufen am 28.05.2020).
  11. vgl. B. Blume: UNTERRICHT: Regeln für Videokonferenzen, https://bobblume.de/2020/04/18/unterricht-regeln-fuer-videokonferenzen/ (abgerufen am 29.05.2020).